
| Betreuung: | Dr. Justus von Grone, CLIS-HSG |
| Praxispartner: | fair fashion factory (fff), Basel |
| Sprache: | Deutsch oder Englisch |
| Starttermin: | Nach Vereinbarung |
Der Wandel zu einer zirkulären Modeindustrie kann nicht von einzelnen Unternehmen allein vorangetrieben werden. Er erfordert das Zusammenspiel heterogener Akteure: Produzent:innen, Konsument:innen, Quartiervereine, kulturelle Einrichtungen, politische Stellen, Ausbildungsinstitutionen und viele mehr. Für ein zirkuläres Modeunternehmen stellt sich damit eine doppelte Herausforderung: Es muss sich wirtschaftlich tragfähig aufstellen und gleichzeitig einen breiteren Systemwandel mitgestalten, der über die eigene Unternehmensgrenze hinausgeht.
Die fair fashion factory (fff) in Basel ist ein Verein, der sich in genau diesem Spannungsfeld bewegt. Die fff verfügt über ein bestehendes Mapping des lokalen Ökosystems — sie kennt die relevanten Akteure in der Region. Dieses Ökosystem ist jedoch noch nicht systematisch aktiviert und orchestriert. Es stellt sich die Frage, wie die fff vom Wissen über das Ökosystem zum strategischen Aufbau eines funktionierenden Akteursnetzwerks gelangen kann — und wie daraus sowohl gesellschaftlicher als auch wirtschaftlicher Wert entsteht.
Die Masterarbeit erkundet, wie ein zirkuläres Modeunternehmen ein lokales Akteursnetzwerk orchestrieren kann und über welche Pfade daraus wirtschaftliche Tragfähigkeit entsteht. Die Arbeit ist explorativ angelegt: Sie geht nicht von einem bereits funktionierenden Netzwerk aus, sondern untersucht die Voraussetzungen, Mechanismen und möglichen Strategien für den Aufbau eines solchen Netzwerks. Das bestehende Ökosystem-Mapping der fff dient als empirische Ausgangsbasis.
Übergeordnete Forschungsfrage: Wie kann ein zirkuläres Modeunternehmen ein lokales Ökosystem orchestrieren, und über welche Mechanismen entsteht daraus wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Wert?
Daraus lassen sich beispielsweise folgende Unterfragen ableiten:
Die Arbeit verbindet drei theoretische Perspektiven, die gemeinsam das Spannungsfeld zwischen unternehmerischem Handeln und kollektivem Wandel beleuchten:
Die Ecosystem-Perspektive (Adner, 2017; Jacobides et al., 2018) fragt, wie ein fokaler Akteur Strukturen schafft, die komplementäre Akteure zusammenbringen und koordinieren. Im Unterschied zu hierarchischer Steuerung basiert Orchestrierung auf der Gestaltung von Interdependenzen: Der Orchestrator schafft Anreize, definiert Schnittstellen und ermöglicht Wertschöpfung, die kein Akteur allein erbringen könnte. Für die fff stellt sich die Frage, wie sie vom passiven Kennen des Ökosystems (Mapping) zu einer aktiven Orchestrierungsrolle gelangen kann.
Der Wandel zu zirkulärer Mode hat Merkmale eines kollektiven Gutes: Alle profitieren davon, aber der individuelle Beitrag jedes Akteurs ist mit Kosten verbunden. Die Collective-Action-Theorie (Olson, 1965; Ostrom, 1990; Ostrom, 2015) liefert Werkzeuge, um zu verstehen, welche institutionellen Arrangements, Anreize und sozialen Mechanismen eine solche Mobilisierung ermöglichen — und warum sie oft scheitert. Diese Perspektive sensibilisiert die Arbeit für die Herausforderungen, die mit dem Aufbau eines Akteursnetzwerks verbunden sind.
Hertel et al. (2026) bieten mit ihrem integrativen Framework zu Collective Action und Sustainability Challenges eine analytische Grundlage, um die spezifischen Handlungsdilemmata im lokalen Ökosystem zu identifizieren — insbesondere Give-some-Dilemmata, bei denen alle Akteure von zirkulärer Mode profitieren würden, aber niemand die Kosten des ersten Schritts allein tragen will. Ecosystem Orchestration lässt sich in diesem Sinne als die praktische Strategie verstehen, mit der ein fokales Unternehmen solche Collective-Action-Dilemmata zu überwinden versucht.
Der Public-Value-Ansatz (Meynhardt, 2009) bildet die Brücke zwischen den beiden Perspektiven. Er ermöglicht es zu fragen, welcher gesellschaftliche Wert durch das Netzwerk entsteht — und wie dieser Wert zugleich als Mobilisierungsmechanismus wirkt: Akteure beteiligen sich, weil sie einen Beitrag zum Gemeinwohl als sinnstiftend erleben. Gleichzeitig erhöht die gesellschaftliche Wertschöpfung die Legitimation des Unternehmens und schafft damit Voraussetzungen für wirtschaftliche Tragfähigkeit.
Die Arbeit verfolgt ein exploratives, qualitatives Forschungsdesign als Einzelfallstudie (fff im Basler Ökosystem). Die Wahl der Einzelfallstudie ist methodologisch begründet: Es handelt sich um ein kontextgebundenes, noch wenig erforschtes Phänomen, das theoriebildendes Vorgehen erfordert (Yin, 2018). Das Design umfasst drei aufeinander aufbauende Phasen.
Ausgangspunkt ist das bestehende Ökosystem-Mapping der fff. Dieses wird systematisch aufgearbeitet und die identifizierten Akteure entlang theoretisch begründeter Dimensionen typisiert: potenzielle Rolle im Netzwerk (Multiplikator, Legitimator, Ressourcengeber, Gatekeeper), Nähe zur fff (Kernakteure, Peripherie, noch nicht verbundene Akteure) und vermutete Motivationslage. Gezielte Ergänzungen erfolgen bei identifizierten Lücken durch Desk Research. Ergebnis ist eine strukturierte Akteurslandkarte, die als Sampling-Grundlage für Phase 2 dient und zugleich einen eigenständigen analytischen Beitrag darstellt.
Strang A — Potenzielle Ökosystem-Akteure in Basel (8–12 Interviews): Interviews mit Akteuren aus verschiedenen Segmenten des lokalen Ökosystems — bewusst divers gesampled über die in Phase 1 identifizierten Typen. Neben naheliegenden Partnern (nachhaltige Labels, Textilinitiativen) auch Quartiervereine, Gastronomie, kulturelle Einrichtungen, politische Stellen und Ausbildungsinstitutionen. Fokus: Motivationen und Barrieren für eine Beteiligung, wahrgenommene Interdependenzen, erwarteter Wert einer Zusammenarbeit und Vorstellungen über mögliche Rollen im Netzwerk.
Strang B — Referenzfälle (4–6 Interviews): Interviews mit Gründer:innen oder Geschäftsführer:innen vergleichbarer Unternehmen, die bereits Akteursnetzwerke aufgebaut haben — nicht zwingend aus der Mode, sondern auch aus angrenzenden Feldern (Food, Craft, Kreislaufwirtschaft). Fokus: Erfahrungswissen über Orchestrierungsstrategien, Pfade der Wertschöpfung und Stolpersteine beim Netzwerkaufbau. Diese Interviews können auch remote geführt werden.
Die Auswertung erfolgt über qualitative Inhaltsanalyse (Kuckartz, 2018), deduktiv-induktiv codiert: Die theoretischen Konzepte (Orchestrierungsmechanismen, Collective-Action-Probleme, Wertschöpfungspfade) liefern die deduktiven Kategorien, induktive Codes ergänzen emergente Themen. Ziel ist die Entwicklung eines konzeptionellen Frameworks, das drei Elemente verbindet: Akteurstypen und ihre Motivationslagen, Orchestrierungsstrategien und Engagement-Formate, sowie Pfade, über die Ökosystem-Aktivität in wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert übersetzt wird. Daraus wird eine konkrete Orchestrierungsstrategie für die fff abgeleitet.
Wissenschaftlich
Die Arbeit leistet einen explorativen Beitrag an der Schnittstelle von Ecosystem Orchestration, Collective Action und Social Innovation. Die Ecosystem-Literatur fokussiert bislang stark auf technologiegetriebene Kontexte; die Arbeit erweitert das Konzept auf nachhaltigkeitsorientiertes Unternehmertum im lokalen Kontext. Zudem verbindet sie die Orchestrierungs- und Collective-Action-Perspektive, die bisher weitgehend getrennt diskutiert werden, und zeigt, wie sich beide produktiv ergänzen. Das entwickelte Framework bietet Anschlusspunkte für weiterführende Forschung.
Praktisch
Die fff erhält eine fundierte, evidenzbasierte Orchestrierungsstrategie: Welche Akteure sollten prioritär angesprochen werden, mit welchen Formaten, und über welche Pfade entsteht daraus wirtschaftlicher Wert? Die Ergebnisse umfassen eine Priorisierung der Akteure, konkrete Engagement-Formate und eine Umsetzungs-Roadmap. Sie sind auch für andere zirkuläre Unternehmen relevant, die vor ähnlichen Herausforderungen beim Ökosystem-Aufbau stehen.
Interesse? Bitte melden Sie sich mit einem kurzen Motivationsschreiben, Lebenslauf und einer eigenen Beispielarbeit (z.B. Bachelorarbeit) bei Dino Darmonski (dino.darmonski@unisg.ch).
Adner, R. (2017). Ecosystem as Structure: An Actionable Construct for Strategy. Journal of Management, 43(1), 39-58. doi.org/10.1177/0149206316678451
Hertel, C., Vedula, S., Bacq, S., & Rocchino, R. (2026). From Collective Dilemmas to Collective Solutions: An Integrative Framework and Research Agenda for Collective Action and Sustainability Research. Academy of Management Annals, annals.2024.0282. doi.org/10.5465/annals.2024.0282
Jacobides, M. G., Cennamo, C., & Gawer, A. (2018). Towards a theory of ecosystems. Strategic Management Journal, 39(8), 2255-2276. doi.org/10.1002/smj.2904
Kuckartz, U. (2018). Qualitative Inhaltsanalyse: Methoden, Praxis, Computerunterstützung. Beltz Juventa. books.google.ch/books
Meynhardt, T. (2009). Public Value Inside: What is Public Value Creation? International Journal of Public Administration, 32(3-4), 192-219. doi.org/10.1080/01900690902732632
Olson, M. (1965). The Logic of Collective Action: Public Goods and the Theory of Groups, With a New Preface and Appendix. Harvard University Press. books.google.ch/books
Ostrom, E. (1990). Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press. books.google.ch/books
Ostrom, E. (2015). Governing the Commons: The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press. doi.org/10.1017/CBO9781316423936
Yin, R. K. (2018). Case Study Research and Applications: Design and Methods. SAGE Publications.